Alles außer Kontrolle – offen für „the new normal“

8. Juli 2020

„Unvorsichtigerweise haben wir alle die kollektive Illusion geschaffen, dass wir unser Leben kontrollieren können, wenn wir nur unser Bestes tun. Dass wir Veränderungen verhindern können. Aber das ist Unsinn. Das Leben ist Veränderung. Und Veränderung ist Leben.“

(Rinze Terluin)

Dieses Zitat hängt schon seit einiger Zeit an meiner Kühlschranktür. Es erinnert mich daran, bei all der Planungs- und Koordinationsakribie im Alltag auch immer wieder das Loslassen zu üben. Das Loslassen von Vorstellungen, Erwartungen und Ideen, die sich nicht wie gewünscht umsetzen lassen, aber trotzdem oder gerade deswegen neugierig und offen für den Lauf der Dinge zu bleiben. Allerdings erleben Kühlschranksprüche oft das Schicksal, recht schnell übersehen zu werden.

Im Covid-19-induzierten Homeoffice, hat der Spruch plötzlich wieder meine Aufmerksamkeit gefangen und mich zum Nachdenken angeregt. In meiner Rolle als Beraterin und Trainerin beschäftige ich mich im Rahmen unserer Jahresstudie aktuell mit der Frage, wie wir unsere Trainingsteilnehmenden neben fachlich-methodischen Themen, in der Entwicklung von Metakompetenzen unterstützen können. Für uns befähigen Metakompetenzen Personen dazu, unabhängig von ihren spezifischen und expliziten Tätigkeits- und Aufgabenbereichen, eine Haltung zu entwickeln, die persönliches Wachstum, die Reflexion der eigenen mentalen Modelle und einen flexiblen Umgang mit sich verändernden Bedingungen und Anforderungen ermöglicht. Zu den elementaren Metakompetenzen eines solchen learning mindsets gehören für uns v.a. Selbststeuerung & -organisation, Reflexionsfähigkeit und Lernkompetenz.

Der Griff nach der Kaffee-Milch in den Kühlschrank führte zu dem Gedanken, dass es tatsächlich diese Kompetenzen sind, die im Umgang mit den Auswirkungen der Covid-19-Krise helfen können, auf unsere abrupt veränderten Lebensrealitäten zu reagieren. Denn für mich fühlt sich das Leben in der Krise tatsächlich wie eine „Master“-Class im Anerkennen und Akzeptieren an, dass „Leben Veränderung und Veränderung Leben ist“. Alle bisher unumstößlich wirkenden Systeme, sorgsam aufgebauten Strukturen und aufwändig abgestimmten Strategien haben von einem Tag auf den anderen an Relevanz und Orientierung verloren. Statt Kontrolle, Wissen und Gewissheit, sind plötzlich maximale Flexibilität, Umdenken, Andersdenken, Neulernen und Loslassen von Bewährtem gefragt. Es ist sozusagen die VUCA-Welt potenziert und in alle Lebensbereiche eingetreten.

Im Umgang damit hilft mir eine bedürfnisorientierte Selbststeuerung (Was brauche ich heute von mir selbst und von anderen, um dem Chaos im Außen mit Klarheit und Zuversicht im Inneren begegnen zu können?), individuell ausgerichtete Selbstorganisation (Wie kann ich mir Struktur zurück in meinen Alltag holen?) und achtsame Selbstreflexion (Wo hilft es mir, momentan weniger Gas zu geben, um mehr auf mein Wohlbefinden achten zu können? Wie und womit kann ich andere im Umgang mit ihrem Kontrollverlust unterstützen? Birgt diese ungewohnte Situation möglicherweise auch Chancen und neue Freiheiten?).

Die ungewisse Zukunft fordert von uns allen, Pläne umzuschmieden oder völlig neue Alternativen zu entwerfen. Die Chance für jeden Einzelnen kann dabei sein, die jetzt gemachten Erfahrungen zu reflektieren und nutzbar zu machen. Mit Flexibilität im Denken, Vertrauen im Umgang mit Ungewissheit und Offenheit für Veränderungen lassen sich auch in der viel diskutierten „neuen“ Normalität mit und nach Covid-19 Ziele stecken und Lösungen entwickeln.




 
 
Laura Melissa Hensch
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